In Defense of German Colonialism - Bruce Gilley
- Autor
- Bruce Gilley, PhD
- Titel
- In Defense of German Colonialism
- Ausgabe
- Regnery Gateway 2022, 304 Seiten
- Sprache
- Englisch
Der Titel dieses Werks, ebenso wie sein Untertitel “Und wie seine Kritiker Nazis, Kommunisten und die Feinde des Westens ermächtigt haben” (frei von mir aus dem Englischen übersetzt, ebenso wie alle folgenden Zitate) mag für viele Menschen äußerst provokant, ja skandalös klingen.
Schließlich “weiß” doch jedes Kind, dass der Kolonialismus - und ganz besonders der deutsche Kolonialismus - ein entsetzliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit war; eine auf Unrecht und Gewalt gestützte Unterdrückung, Versklavung und Ausbeutung schwächerer Völker, durchdrungen von Rassismus und nicht selten in Genoziden an den Einheimischen endend. So die allgemeine Sichtweise, die sich auf das scheinbar einhellige und unumstößliche Urteil der historischen und postkolonialen Forschung an den Universitäten berufen kann.
Nun sind aber Wissenschaft und Forschung, die diese Namen auch wirklich verdienen, nicht das unisono Verkünden von unhinterfragbaren und ewig gültigen Dogmen, sondern das Streben nach Erkenntnisgewinn, wozu die regelmäßige Überprüfung von als selbstverständlich geltenden Lehrmeinungen und Sichtweisen gehört.
Wenn die Faktenlage auch andere Interpretationen zulässt, sollen - ja müssen - auch kontroverse, der Mehrheitsmeinung widersprechende Thesen aufgestellt und in den wissenschaftlichen Diskurs einbezogen werden. Nur so können alte Gewissheiten einer kritischen Betrachtung und eventuell einer Neubewertung unterzogen werden, Irrtümer korrigiert und neue Erkenntnis gewonnen werden. Genau das macht Dr. Bruce Gilley im vorliegenden Werk.
Autor und Entstehungsgeschichte
Dr. Bruce Gilley, kanadisch-amerikanischer Wirtschafts- und Politikwissenschaftler, sowie Professor für Politikwissenschaft an der Portland State University, hat sowohl mit dem Thema Kolonialismus, als auch mit dem Auslösen von Kontroversen einige Erfahrung. Gilley lebte von 1992 bis 2002 in Hongkong und in die Mitte dieser Zeitspanne fiel auch die Übergabe der britischen Kolonie Hongkong an die Volksrepublik China.
Überrascht von der Stimmung der Einheimischen, welche ausgesprochen pro-Großbritannien eingestellt waren und ihrer “Befreiung” eher mit Sorge als Begeisterung entgegeblickten, nahm Gilley dieses Erlebnis zum Anlass, um über den Kolonialismus zu forschen.
Die Ergebnisse seiner Forschung legte er 2017 in dem Artikel The Case for Colonialism vor, der aufgrund seiner insgesamt positiven Bewertung des Kolonialismus prompt einen Skandal in Wissenschaft und Medien auslöste und Morddrohungen an den Autor zur Folge hatte (der Artikel ist zwischenzeitlich zu einem eigenen Buch ausgearbeitet worden, das 2023 unter dem selben Titel erschienen ist).
Unbeirrt, aber erneut erstaunt von der Tatsache, dass in britischen Quellen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs die besondere Loyalität der einheimischen Afrikaner gegenüber ihren deutschen Kolonialherren bemerkt wird, wandet Gilley sich der Erforschung speziell des deutschen Kolonialismus zu. Seine Erkenntnisse dazu präsentiert er in diesem Buch.
Zuerst 2021 auf Deutsch unter dem Titel Verteidigung des deutschen Kolonialismus in der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung erschienen (auf seinem YouTube Kanal bietet Dr. Gilley auch ein Video zur Einführung in dieses Buch an, unterlegt mit historischen Fotografien), bespreche ich hier die ein Jahr später erschienene englische Fassung. Selbige wurde laut Autor mit neuen Forschungsergebnissen und Rückmeldungen zur deutschen Ausgabe signifikant erweitert, vor allem was die Folgen des Verlusts der deutschen Kolonien für Deutschland und Europa bedeutete und was die Ideologien und Aktivitäten der Antikolonialisten jeglicher Schattierung angeht.
Thesen und Erkenntnisse
“Kolonialismus war der echte ‘Befreiungskampf’.” ~ S. 80
Die politisch-weltanschaulichen Überzeugungen des Autors sind Grundlage für seine Bewertung des Kolonialismus: Gilley, ein überzeugter Verfechter des “Westens”, macht eindeutig klar, für welche Werte er steht: Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat und freie Marktwirtschaft.
Diese Werte sieht Gilley nicht etwa im Widerspruch zum Kolonialismus, sondern im Gegenteil als dessen Kernessenz: nicht Rassismus, Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung würden das Wesen des Kolonialismus kennzeichnen, sondern kosmopolitische, humanistische und fortschrittsfreundliche Motive im Geiste des klassischen Liberalismus.
1.) Theorie und Praxis des deutschen Kolonialismus
Federführend bei der Vertiefung und Umsetzung eines aufklärerisch geprägten, liberal-zivilisatorischen Kolonialismus sei dabei das Deutsche Reich gewesen. Überragender Bedeutung für den deutschen, aber auch den Kolonialismus insgesamt, kommt laut Gilley der 1885 vom Deutschen Reich organisierten Konferenz aller Kolonialmächte in Berlin zu.
Dort regte das Deutsche Reich, als “ehrlicher Makler”, da “Neuling” unter den Kolonialmächten mit erst wenig Kolonialbesitz, eine verbindliche Selbstverpflichtung aller Kolonialmächte an:
- Das “moralische und materielle Wohlergehen der Einheimischen” (S. 31) muss aktiv gesteigert werden, Sklaverei abgeschafft, Religion, Wissenschaft und Wohltätigkeit gefördert werden.
- Staatliche Institutionen, Verwaltung und Justiz vor Ort müssen aufgebaut werden, um einen Kolonialanspruch begründen und aufrechterhalten zu können, anstatt diesen nur auf die Anwesenheit von Siedlern oder gar nur die wirtschaftliche Ausbeutung von Rohstoffen durch Handelsgesellschaften zu gründen.
Dass Papier geduldig ist, weiß auch Gilley, der aber eine ernst gemeinte Absicht hinter dieser Selbstverpflichtung sieht, an die sich die Kolonialmächte im Folgenden auch durchaus gebunden fühlten:
“Zunächst nur Worte. Aber Worte, die Normen schaffen würden und Normen, die Verhaltensweisen prägen würden.” ~ S. 31
Dies sieht Gilley in der Realität der deutschen Kolonien (sieben an der Zahl und die Gebiete mehrerer heutiger afrikanischer und ozeanischer Staaten, sowie den nördlichen Teil Papua-Neuguineas und Gebiete in China um die Stadt Qingdao/Tsingtau umfassend) bestätigt.
Als Muster zeigt sich, dass von einem friedvollen bis paradiesischen Leben vor der Ankunft der “Unterdrücker” keine Rede sein kann: die vorkoloniale Existenz war überall geprägt von Armut und Elend, regelmäßigen Seuchen und Hungersnöten und in Afrika und Ozeanien dazu meist noch von nicht enden wollenden Blutfehden, Kriegen, Raubzügen und brutaler Versklavung der Stämme untereinander.
Neben der Schaffung und Sicherung von Frieden, brachte die deutsche Kolonialherrschaft die Abschaffung der Sklaverei sowie zahlreiche Möglichkeiten für sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg für die Einheimischen. Hinzu kamen die Etablierung von Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur, moderner Medizin und Bildung. Alles Entwicklungen, die von den Einheimischen selbst in überwältigender Mehrheit enthusiastisch begrüßt und genutzt wurden.
Aufstände gegen die deutsche Kolonialherrschaft, wie etwa der Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika oder der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika können laut Gilley in keinster Weise als “Befreiungsbewegungen” bewertet werden, sondern lassen sich auf Ressentiments entmachteter alter Eliten zurückführen, die eine Wiedererrichtung der Sklaverei und ethnische Säuberung des Landes von den Kolonialherren und den mit ihnen verbündeten Stämmen anstrebten. Entsprechend brutal gingen die Aufständischen auch vor.
Die gewaltsame Niederschlagung der Aufstände durch die Deutschen und ihre einheimischen Hilfstruppen sei folglich eine notwendige und unumgängliche Reaktion gewesen und hatte darüber hinaus keine genozidären Motive, sondern den Schutz von Frieden, Freiheit und Leben des Großteils der Bevölkerung in der jeweiligen Kolonie zum Ziel.
Der Autor arbeitet auch heraus, dass sowohl militärische Exzesse, als auch Verbrechen von Regierungsbeamten, Siedlern und Unternehmern an Einheimischen zuverlässig zu einem empörten Aufschrei der Öffentichkeit im Deutschen Reich führten und mit politischen Untersuchungsausschüssen, gerichtlicher Verurteilung und gesellschaftlicher Ächtung der Täter geahndet wurden.
Eindrucksvoll sind die Beispiele des Autors, wie deutsche Wissenschaftler sich der sprachwissenschaftlichen, botanischen, geografischen, historischen und kulturellen Erforschung der Kolonien widmen und dies keineswegs nur zu Zwecken der Herrschaftssicherung, sondern aus genuiner Begeisterung und Faszination für die fremden Völker, Kulturen und Länder.
So wurden beispielsweise in Deutsch-Ostafrika Maßnahmen zum Natur- und Artenschutz erlassen, wie ein Verbot der Elefantenjagd oder die Errichtung von Naturschutzgebieten, die später nach Übernahme der Kolonien von den Briten weitergeführt wurden (wie beispielsweise der Serengeti-Nationalpark). Ferner stärkten die Deutschen lokale Sprachen, wie zum Beispiel Swahili, und förderten den Unterricht und die Publikation von einheimischen Zeitungen in der Landessprache.
Gilley zitiert die deutschen Gouverneure unterschiedlicher Kolonien mit Äußerungen, die zum einen Akzeptanz, Unterstützung und freiwillige Mitarbeit der Einheimischen als unerlässlich für das kolonialen Projekt und seinen Erfolg sehen (beispielsweise verbot der deutsche Gouverneur im islamisch geprägten Nord-Kamerun christliche Missionarstätigkeit), zum anderen genuinen Respekt vor den Einheimischen und ihrer Kultur bekunden:
“Sie sind weit davon entfernt, närrische, primitive und lächerliche Wilde zu sein, über denen die Europäer mächtig und erhaben stehen. Sie haben ihre Eigenarten, wie wir, wie alle Menschen sie haben. Aber wir sollten uns davor hüten, unsere eigenen Standards von Zivilisation einfach auf andere Völker zu übertragen, die wir nicht verstehen!” ~ Albert Hahl, Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, S. 141
Die europäische und ganz besonders die deutsche Kolonialherrschaft habe für die Einheimischen immer eine drastische Verbesserung der Lebensverhältnisse mit sich gebracht. Dementsprechend schlägt Gilley als Entgegnung auf Kolonialismus-Definitionen, die die Unterdrückung der Einheimischen betonen, folgende Definition für den Kolonialismus mit Fokus auf die Einheimischen vor:
“Kolonialismus ist ein von gemeinsamer Regierung und Befreiung von einheimischer Vorherrschaft geprägtes Verhältnis, in welchem die Kolonialisierten bis dahin nie gekannte Gelegenheiten erhalten, die Fähigkeiten und Ausübung ihrer Selbstbestimmung zu entwickeln, in dem sie als Gleiche gelten vor dem Gesetz und vor Regeln, welche ein Ausmaß an Selbstorganisation und Autonomie ermöglichen, das in ihrer Geschichte beispiellos ist und in welchem sie zum ersten Mal befähigt werden, als Gleichberechtigte die Bedürfnisse und Interessen ihrer Gemeinschaften zu artikulieren, besonders was politische und wirtschaftliche Aspekte angeht.” ~ S. 250
2.) Historische und ideologische Ursprünge des Antikolonialismus
Dem gegenüber stehe die Bilanz der ehemaligen Kolonien seit ihrer Unabhängigkeit und vor allem der von den Gegnern des Kolonialismus bejubelten und unterstützen “Befreiungsbewegungen”, die in den meisten Fällen zu blutigen Diktaturen, ethnischer Gewalt, wirtschaftlichem Kollaps und/oder ständigen Bürgerkriegen und Hungersnöten führten.
“Was ist der Sinn von Dekolonialisierung, wenn es den Leuten danach nur schlechter geht” ~ S. 243
Dies ist für Gilley kein Zufall und er zeigt auf, dass die schärfsten und frühesten Gegner des Kolonialismus allesamt in der radikalen Linken und Rechten zu finden sind.
Zunächst stellt der Autor jedoch fest, dass das gesellschaftlich weit verbreitet Bild der Deutschen als besonders brutaler kolonialer Schlächter und gewissenloser Unterdrücker erst im Ersten Weltkrieg aufkam und hauptsächlich von Großbritannien gezeichnet wurde.
Während gerade die Briten vor dem Krieg sehr offen in ihrer Bewunderung für die Effizienz, Humanität und Errungenschaften in den deutschen Kolonien waren, wurde der Erste Weltkrieg als Chance gesehen, sich die deutschen Kolonien einzuverleiben. Die Absicht hinter der verleumderischen und wissentlich falschen Propaganda der “deutschen Barbarei” in den Kolonien dient dabei natürlich zur Vorbereitung und Rechtfertig für angestrebte Annexionen der deutschen Kolonien.
Mit den Kolonien sei nach dem Ersten Weltkrieg im Deutschland der Weimarer Republik dann aber auch das vorherige, dem kolonialen Projekt zugrunde liegende und gesellschaftlich und politisch breit akzeptierte Selbstverständnis der Deutschen verloren gegangen: das kosmopolitische, humanistische und liberale Selbstverständnis, Teil einer gesamteuropäischen und die Menschheit umfassenden zivilisatorischen Mission zu sein.
Dies wiederum, hätte es den Extremisten von Links und Rechts leicht gemacht, gegen eben jene liberalen und europäischen Werte grundsätzlich zu agitieren, sie als verlogen, korrupt und unterdrückerisch darzustellen und einer illiberalen, zivilisationsfeindlichen Gesinnung den Boden zu bereiten.
Gilley zeigt auf, dass sowohl ultranationalistische Vorläufer des Nationalsozialismus, als auch dessen führende Vertreter vehement antikolonialistisch eingestellt waren. In deren Sichtweise war der Kolonialismus eine gigantische Verschwendung von Ressourcen und Kräften, die wesentlich zielführender für einen Eroberungskrieg mit Landnahme in Europa selbst genutzt hätten werden können.
Ein global auf alle Kontinente verstreutes deutsches Volk, noch dazu stets den Versuchungen der rassischen Vermischung ausgesetzt, lag nicht im Interesse des völkischen Nationalismus. Die koloniale Lobby wurde im Dritten Reich weitgehend ruhig gestellt und ihren führenden Vertretern zu verstehen gegeben, dass Kolonien außerhalb einer Eroberungspolitik in Osteuropa nicht erwünscht sind.
“Die Nazis […] standen für alles, was der deutsche Kolonialismus nicht war: illiberal, antikapitalistisch und argwöhnisch gegenüber rassischer Vermischung.” ~ S. 194
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Sowjetunion und mit ihr die DDR federführend in antikolonialer Propaganda. Die historische Forschung zum deutschen Kolonialismus in der DDR hatte dabei wenig überraschend kein Interesse an objektiv-sachlicher Geschichtsschreibung, sondern sah die Geschichtswissenschaft im Dienste der marxistisch-leninistischen Ideologie.
Die Verdammung des historischen deutschen wie weiterhin bestehenden westeuropäischen Kolonialismus war somit Pflicht und wurde als “Werbung” für den Kommunismus als Ideologie der Befreiung und für den gemeinsamen Kampf gegen den kapitalistischen Westen betrieben.
Gilley zeigt, wie die besonders radikal antikolonialistischen “Forschungsergebnisse” der DDR zum deutschen Kolonialismus nicht nur damals, sondern sogar heute noch auf große Zustimmung und Bewunderung auch in westlichen Universitäten stoßen und von linkslastigen Professoren begeistert aufgegriffen werden. Widersprüchliche, störende Fakten, sowie die blutigen Auswirkungen linker Theorie in der Praxis, werden dagegen komplett ausgeblendet.
3.) Zeitgenössischer Antikolonialismus als totalitärer Angriff auf “westliche Werte”
“Die DDR hat den Kalten Krieg eindeutig gewonnen, wenn es um deutsche Forschung zum Thema Kolonialismus geht.” ~ S. 245
Heutige “Woke” Kulturkämpfer sieht Gilley als direkte Erben der totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Sowohl besagte historische Strömungen als auch zeitgenössische Ideologen und Aktivisten des Antikolonialismus und Postkolonialismus bewertet Gilley als überzeugte Todfeinde des “Westens”, als illiberale, antiaufklärerische Fanatiker, die einen “großen Sprung zurück in der menschlichen Entwicklung” (S. 4) anstreben und die westlichen Fortschritte, Werte und Lebensweise als inhärent rassistisch und/oder verkommen und ausbeuterisch rundum ablehnen.
Ihre beständigen Angriffe auf Europas und insbesondere Deutschlands koloniale Vergangenheit müssen laut Gilley immer im Kontext eines Angriffs auf die westliche Zivilisation, Werte und Lebensweise selbst gesehen werden.
Diese Angriffe würden sich mit besonderer Vehemenz gegen Deutschland richten, das das geografische, aber auch historische, kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche “Herz Europas” ist. Gemeint sei aber Europa und “der Westen” insgesamt.
Angestrebt sei nicht weniger als die vollständige Vernichtung des verhassten “Westens” und die Errichtung totalitärer, antikapitalistischer und antisemitischer Diktaturen, die die schärfsten Gegner des Kolonialismus unverhohlen verherrlichen.
Die anti- und postkoloniale Mainstream-Forschung hat für Gilley nichts mehr mit objektiver, faktenbasierter Wissenschaft zu tun, sondern steht - auch laut eigenen Bekenntnissen - auf ideologischen Grundlagen und sieht sich im Dienst zeitgenössischer, “progressiver” Politik.
Ihr offen selbsterklärtes Ziel sei nicht historische Erkenntnis und Wahrheitsfindung, sondern Rechtfertigung und Durchsetzung politischer Maßnahmen in allen Bereichen, “Immigration, Entwicklungshilfe, Handelspolitik, Klimawandel, Verteidigungspolitik, Weltgesundheit, öffentliche Bildung, politische Systeme und Weltregierung” (S. 261).
Herauszuarbeiten, dass diese politischen Forderungen und Maßnahmen aber auf totalitären Ideologien und bewussten Geschichtslügen und -verfälschungen fußen und den Weg in Unglück und Elend bereiten, für “den Westen” wie für die Entwicklungsländer gleichermaßen, ist ein erklärtes Ziel von Gilley Arbeit. Er will dieser Gefahr mit Fakten entgegentreten, die ein völlig anderes Bild des deutschen Kolonialismus und damit Deutschlands und des “Westens” zeichnen.
Dementsprechend sieht Gilley die Beschäftigung mit der Geschichte des (deutschen) Kolonialismus nicht als weltfremde und nutzlose Debatte im akademischen Elfenbeinturm, sondern als ganz wesentlichen und überlebensnotwendigen Beitrag zur Verteidigung der westlichen Lebensweise und Werte.
Schreibstil und kritische Anmerkungen
“[G]ebildete Menschen in freien Gesellschaften haben eine besorgniserregende Neigung […] das Dogma abzulehnen […] Vielleicht helfen ja ein paar weitere didaktische Kunstinstallationen! Irgendwas über den ‘imperialen Blick’ von Luftbildaufnahmen, vielleicht.” ~ S. 227
Das Buch liest sich flüssig, unterhaltsam und langweilt an keiner Stelle. Dies ist nicht zuletzt dem Schreibstil Gilleys geschuldet, der Erfolge, Krisen und Dramatik seines Forschungsgegenstandes eindringlich schildern kann und außerdem eine ausgeprägte Neigung zu Spott, Ironie und Sarkasmus zeigt, wenn er gegen antikolonialistische Ideologen und postkoloniale Mythen ins Feld zieht.
Allerdings muss man sagen, dass dieser spöttische Ton teils etwas überhand nimmt und bisweilen mehr höhnisch, giftig und verächtlich als humorvoll wirken kann. Das muss man mögen. Einerseits ist es sehr verständlich, dass bei einigen besonders wirren Thesen, absurden Aussagen und dreiste Lügen der Reiz groß ist, verbal entsprechend heftig zu kontern. Erst Recht wenn man sich auf der Seite der Wahrheit und inmitten einer wichtigen politischen Auseinandersetzung um die Zukunft der Menschheit wähnt, wie Gilley es selbsterklärtermaßen tut.
Andererseits tut es dem Eindruck von Seriosität und Souveränität nicht unbedingt einen Gefallen. Das ist allerdings Geschmacks- und Ansichtssache und mancher Leser dürfte Gilleys Art, seinen Kontrahenten Paroli zu bieten, auch sehr erfrischend und erbaulich finden.
Unterhaltsam schreibt Gilley wie gesagt allemal und er versteht es hervorragend, die teils bodenlose Absurdität der Thesen führender postkolonialer Wissenschaftler aufzuzeigen. Beispielsweise wenn eine marxistische Professorin dem “teuflischen Plan” deutscher Gouverneure auf die Spur gekommen sein will, die Einheimischen aus der Armut in den Stand des wohlhabenden Besitzbürgertums zu erheben, um so das Aufkommen von Revolutionsgedanken und damit die Verwirklichung der kommunistische Utopie zu verhindern (S. 143).
Eindrucksvoll und seine Sichtweise deutlich bestätigend sind auch mehrere von Gilley angeführte Beispiele, wo der postkoloniale Mainstream in Wissenschaft und Medien sich als rein ideologisch motiviert zu erkennen gibt und offen verlautbart, dass gewisse Themen “nicht in Frage gestellt” werden dürften und “jenseits aller Diskussion” sein müssten (z.B. Vorwort S. ix) und sich Wissenschaftler und Laien, die positive Sichtweisen auf den Kolonialismus herausarbeiten doch bitteschön immer fragen sollten, welchen sinisteren politischen Kräften sie hier Argumente liefern - wohlgemerkt ohne die pro-kolonialen Forschungsergebnisse in Abrede zu stellen oder zu widerlegen.
Stellenweise kommt allerdings umgekehrt auch der Eindruck auf, dass Gilley in seinem “gerechten Eifer” bzw. der politisch-kulturkämpferisch motivierten Verteidigung des Kolonialismus etwas über das Ziel hinausschießt.
So ist beispielsweise fraglich, ob die europäische Öffentlichkeit, die Regierung, Verwaltung und Justiz zuhause und in den Kolonien wirklich eine so stark von aufklärerisch-humanistischen Ideale geprägte Sichtweise auf und Umgang mit den Kolonialvökern hatten. Bestehendes Quellenmaterial aus dieser Zeit lässt auch durchaus andere Schlüsse zu.
Auch mutet es ungut an, wenn selbst unter den damaligen Zeitgenossen hoch umstrittene, gewalttätige und von chauvinistischen Ansichten durchdrungene Persönlichkeiten wie Carl/Karl Peters abgetan werden mit der Begründung, dass ihre Äußerungen und Taten mit jugendlichem Übermut zu erklären und ihre zeitgenössische wie spätere Verurteilung hauptsächlich antikolonialer Profilierungssucht geschuldet sei.
Ebenso fordert Gilleys Pochen auf die hehren Werte der Berliner Konferenz der Kolonialmächte 1885 als Antrieb hinter kolonialen Projekten den Vergleich mit heutigen Fällen heraus, in denen der “Wertewesten”, allen voran die USA, aus geostrategische Zielen heraus massive Bombardierungen, militärische Interventionen und Invasionen sowie das Anzetteln von Regimewechseln und Umstürzen durchführen, die in jahrzehntelangem blutigem Chaos resultierten - und offiziell moralische Gründe für ihr Handeln vorschützen, wie die Errichtung oder Förderung von Demokratie, Menschenrechten und Freiheit in den jeweiligen Staaten.
Abschließende Bewertung
Allen historisch Interessierten und allgemein jedem kritischen Denkenden, der Interesse an objektiver Geschichtsschreibung und Wahrheitsfindung hat, kann ich dieses Buch klar empfehlen. Wie gesagt muss man über ein paar Stellen allzu eifriger Apologie des Kolonialismus hinwegsehen und selbstverständlich sollte man das Gelesene wie immer und überall kritisch reflektieren.
Jedem rationalen Menschen sollte klar sein, dass zahlreiche vorherrschende Interpretationen zur Geschichte heute wie zu allen Zeiten der Legitimation von Herrschaft und Durchsetzung politisch-gesellschaftlicher Ziele dienen, nicht der objektiven Wahrheitsfindung.
Ebenso sollte klar sein, dass ein Phänomen wie der Kolonialismus nicht ausschließlich schwarz-weiß gesehen werden kann. Dass der Kolonialismus neben offenkundigem Unrecht, Gewalt und Ausbeutung auch positive, förderliche Aspekte für das Leben der Kolonialisierten mit sich brachte und in Ideologie und Praxis deutliche Unterschiede zu genozidalen Plänen wie denen der Nationalsozialisten für Landnahme in Osteuropa aufweist, lässt sich bei einer sachlich-objektiven Bewertung nicht von der Hand weisen.
Dr. Bruce Gilley leistet mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zu dieser Erkenntnis, zur historischen Wahrheitsfindung und zu einem gerechteren, ausgewogeneren Urteil was die Geschichte des Kolonialismus, Europas und Deutschlands angeht.
Man mag sich an Gilleys rosiger Sichtweise auf “den Westen”, Liberalismus und Kapitalismus stoßen und einzelne Schlussfolgerungen seiner Studie nicht teilen. Das alles schmälert jedoch nicht sein Verdienst.
Seine Arbeit ist ein dringend notwendiges und auf nachprüfbaren Fakten basierendes Korrektiv zu einem extrem einseitigen, politisch-ideologisch motivierten Zerrbild von Geschichtsschreibung mit einer hochgradig zerstörerischen Agenda.
Dafür, ebenso wie für seinen persönlichen Einsatz und großen Mut, sich gegen die herrschende, politisch gewünschte und gesellschaftlich dominante Meinung zu stellen und die daraus folgenden Nachteile - die Karriere, das gesellschaftliche Ansehen und die persönliche Sicherheit betreffend - in Kauf zu nehmen, gebührt ihm großer Respekt und Dankbarkeit.

Ein afrikanischer Askari Soldat in Deutsch-Ostafrika