KI-gestütztes Programmieren und Entfremdung

Karl, Senior-Entwickler und Open Source Contributor, fühlt sich fremd in seiner eigenen Codebase
Kürzlich kam mir bei der Überlegung, warum ich Programmieren mit KI-Unterstützung als so unbefriedigend empfinde, der Begriff der Entfremdung in den Sinn.
Konkret meine ich die Theorie der Entfremdung von Karl Marx (für die Interessierten: hier im Original beschrieben).
Kaum hatte ich diesen Gedanken, war ich allerdings versucht, ihn direkt wieder zu verwerfen. Denn Marx wollte selbstverständlich auf etwas anderes hinaus, das mit der Arbeit als Programmierer - sei es mit oder ohne KI - nichts zu tun hat.
So ist beim Programmieren beispielsweise auf den ersten Blick bereits eine zentrale Bedingung für die Marx’sche Theorie nicht gegeben: es kann keine Rede davon sein, dass der Arbeiter (hier: der Programmierer) keinen direkten Zugriff auf, keine Kontrolle über die Produktionsmittel (hier: PC/Laptop und Zugang zum Internet) hat.
Das genaue Gegenteil scheint der Fall zu sein: tatsächlich kann sich sogar schon ein Teenager mit Leidenschaft fürs Programmieren auch ohne nenneswerte Ersparnisse, ohne Fachausbildung und ohne Arbeitgeber z.B. als Web Entwickler selbstständig machen und gutes Geld verdienen.
Auf den zweiten Blick allerdings, gerade wenn es um Programmieren mit KI-Unterstützung geht… war die Assoziation so abwegig doch nicht?
Ich möchte dem Folgenden zwei Prämissen voranstellen:
- Das ist keine marxistische Analyse.
Ich will die Anwendbarkeit der Marx’schen Theorie der Entfremdung auf die IT-Branche weder belegen noch widerlegen.
Die Aspekte der entfremdeten Arbeit, die Karl Marx beschreibt, dienen mir hier lediglich als eine Vorlage, ein Ausgangspunkt, um meine Gedanken weiter auszuführen.
- Es geht mir um die Arbeit an persönlichen Projekten.
Hobbymäßig, als Beitrag zu einem Open Source Projekt, oder mit kommerzieller Absicht. Auch Arbeit für das eigene Startup eingeschlossen.
Aber ich spreche nicht von der Arbeit als angestellter Programmierer, der sich täglich mit endlosen Bugfixes, der Wartung von veraltetem Spaghetticode, oder der Arbeit an Projekten von sehr fragwürdigem Sinn und Nutzen vergnügen darf.
In solchen Fällen, dem Arbeitsalltag vieler Programmierer, bleibt eine stolze Identifikation mit dem auf Arbeit produzierten Code von vornherein aus. Ob mit oder ohne KI-Unterstützung.
Die Entfremdung vom eigenen Programm
Marx beschreibt vier Aspekte der Entfremdung. Der erste ist die Entfremdung des Arbeiters vom Produkt seiner Arbeit.
Obwohl er am Prozess der Herstellung beteiligt war, gehört das fertige Produkt ihm nicht, ist ihm fremd und gibt sogar anderen Macht und Herrschaft über ihn.
Das Gefühl der Fremdheit des Endprodukt, wenn ich ein Projekt mit KI-Unterstützung aufbaue, ist für mich stark ausgeprägt und Anlass dieser Betrachtungen.
Kann man wirklich noch Eigentümerschaft an etwas behaupten, das man lediglich beschrieben und angeregt hat, das aber zu weiten Teilen von einem Large Language Model (LLM) generiert wurde?
Wenn ich mich in einem Atelier neben den Künstler stelle und ihm beschreibe, was er für mich malen soll, bin ich dann der Künstler, der Urheber des Gemäldes? Mit Sicherheit nicht.
Warum sollte es dann für Code, für ein Programm, für Software anders sein?
Gerade aber der Punkt, dass das uns fremde Endprodukt anderen Macht über uns verleiht, verdient Aufmerksamkeit im Fall von KI-gestütztem Programmieren.
Die Möglichkeit, KI-Agenten für sich arbeiten zu lassen, wird gerne als eine “Ermächtigung” (empowerment) des Programmierers beschrieben.
Dieser muss nun weder über viel Erfahrung und spezialisiertes Wissen verfügen, noch sich in gewählter Programmiersprache und Tools für ein Projekt besonders gut auskennen. Ja, man muss nicht einmal mehr zwingend Programmierkenntnisse haben, um eindrucksvolle und komplexe Applikationen zu erstellen und damit Geld zu verdienen.
Allerdings hat das Ganze ein paar Wermutstropen.
Wer sich daran gewöhnt hat, seinen Code großteils von Claude & Co. schreiben zu lassen, verliert zum einen sehr schnell den Überblick über und das Verständnis für über seine Codebase.
Zum anderen erfordert die intensive Nutzung von KI-Agenten kostenpflichtige Abonnements, die im Laufe der Jahre sicherlich nicht günstiger werden dürften (die Kosten/Schäden für die Natur sind dabei noch ein ganz eigenes Thema).
Und zu guter Letzt: wer sich von ChatGPT, Claude, Cursor und wie sie alle heißen abhängig macht, macht sich von unfreier, proprietärer Software abhängig. Und damit von der Gnade Dritter.
Werden also diejenigen, die für das Schreiben von Code stark auf ihre KI Agenten setzen, noch in der Lage sein, ihre bestehenden, KI-generierten Codebases zu warten? Werden sie sie selbstständig erweitern und neue Features oder Projekte entwickeln können, wenn die Abogebühren für die leistungsstärksten LLMs letztlich zu teuer werden, oder die großen KI-Monopolisten den Zugang einschränken werden? Das darf bezweifelt werden.
Letztlich wird durch die verstärkte Nutzung von KI Agenten nicht der einzelne Programmierer ermächtigt, der vielmehr Geld, Fähigkeiten, Kontrolle, Selbstständigkeit und schlussendlich Eigentümerschaft über seinen Code verliert.
Ermächtigt werden dagegen lediglich Scam Altman, der böse Dämon Asmodei und Konsorten, denen wir Macht über uns verleihen, indem wir uns in allen genannten Aspekten von ihren Produkten abhängig machen.
(Kurze Randbemerkung anlässlich der Verballhornungen: wer ein Faible für ausgefallen-kuriose Verschwörungstheorien hat und Englisch beherrscht, dem sei dieser Artikel wärmstens ans Herz gelegt. Ernsthaft, ein Hochgenuss für den geneigten Connoisseur!)
Die Entfremdung vom Programmieren
Nicht nur vom Produkt seiner Arbeit fühlt sich der Arbeiter laut Marx entfremdet, sondern bereits vom Prozess der Arbeit/Produktion.
Die Arbeit steht außerhalb von ihm, ist kein Teil von ihm und führt zu einem Gefühl des Unglücklichseins darüber, sich nicht selbst verwirklichen zu können. Seine Fähigkeiten und Talente werden nicht gefordert und entwickelt, sondern liegen brach.
Auch das klingt vertraut, wenn man den Großteil seines Codes von KI Agenten schreiben lässt.
Der Programmierer, der sich auf KI Agenten verlässt, ist über weite Strecken nicht mehr selbst gefordert, sondern eine Art Babysitter für die programmierende KI.
Manche feiern das sogar und erklären, dass das händische Schreiben (und Lesen) von Code bald schon der Vergangenheit angehören wird.
“Use it or lose it” gilt aber auch für Programmierkenntnisse. Und intensive LLM-Nutzung beim Programmieren führt spürbar zum Verlust oder zumindest Abbau der eigenen Fähigkeiten.
Dieses Phänomen ist bereits jetzt, so kurze Zeit nach dem Aufkommen von (halbwegs) fähigen KI Coding Agenten ein Thema unter Programmierern. Wie soll das erst nach einigen Jahre von “Vibe Coding” und “Agentic Engineering” aussehen?
Dazu kommt: Freude, das Gefühl, intellektuell gefordert zu sein, Lösungen zu finden, zu lernen und sich zu verbessern, etwas zu leisten und zu schaffen, kommt beim Herumdiskutieren mit LLMs gewiss nicht auf.
Die Freude am Programmieren, am Lernen, Rätseln, Puzzeln, wird durch “effizientes Produzieren” und Gefühle von Abhängigkeit, Machtlosigkeit, letztlich vielleicht sogar Nutzlosigkeit ersetzt.
Die Entfremdung von der Programmierer-Gattung
Wenn Marx vom Gattungswesen des Menschen spricht, meint er das, was allen Menschen gemeinsam ist, angeboren ist und sie als Menschen ausmacht. Am am Ende des Tages, wenn man die terminologischen Spielchen beiseite lässt, ist damit also eben doch eine feste, überzeitliche menschliche Natur gemeint, deren Existenz vom Marxismus in Abrede gestellt wird.
Wie dem auch sei, nach Marx ist auch eine Entfremdung des Arbeiters vom Gattungswesen des Menschen/der menschlichen Natur zu beobachten.
Der Ansatz lässt sich auf eine Entfremdung des Programmierers von der “Programmierer-Natur” übertragen.
Verschiedentlich liest und hört man, dass die korrekte Berufsbezeichnung für Software Entwickler eigentlich “Problemlöser” lauten müsste (was ich, nebenbei bemerkt, für recht dümmlich halte).
Unbestreitbar ist auf jeden Fall, dass das Lösen von Problemen, die Übertragung von Ideen in Code, das Schreiben von, Herumtüfteln an und Optimieren von Code den allermeisten Programmierern Freude bereitet. Man könnte sagen: ihre Tätigkeit ausmacht, Teil ihrer Programmierer-Natur ist.
Kann sich aber wirklich noch Programmierer nennen, wer hauptsächlich stundenlange Diskussionen mit LLMs führt und zunehmend weniger in der Lage ist, selbstständig Code zu schreiben?
Natürlich werden auch so noch Ideen in Code umgesetzt, Code optimiert und Probleme gelöst (idealerweise). Nur verkommt der Programmierer dabei vom aktiv Handelnden immer mehr zum Aufpasser und Anleiter.
Und dass das die eigentliche Natur des Programmiererdasein ausmachen würde, hat zumindest bisher noch niemand behauptet.
Die Entfremdung von anderen Programmierern
Als letzten Aspekt der Entfremdung nennt Marx die Entfremdung der Menschen untereinander.
Beim Programmieren mit KI Agenten ist in der Tat die Tendenz bemerkbar, dass der Kontakt und Austausch mit anderen als Zeitverschwendung angesehen wird: wozu lange diskutieren, wozu andere Lösungsansätze in Betracht ziehen, warum den Kontakt mit eventuell “schwierigen Persönlichkeiten” suchen, wenn die KI doch blitzschnell einen funktionierenden Code ausspucken kann?
Nun kann man selbstverständlich darüber diskutieren, ob es wirklich ein großer Verlust ist, bei Coding-Fragen nicht mehr auf die “freundliche” und “einladende” Community von Stack Overflow angewiesen zu sein.
Allerdings konnte man dort, andernorts und erst recht in persönlichem Kontakt immer auch in der Diskussion mit anderen dazulernen und neue Ansätze entdecken. Nur stumpf den Code von jemand anderem ohne weiteres Interesse oder eigenes Verständnis zu kopieren, war immer das Merkmal eines schlechten Programmierers und konnte zu bösen Überraschungen führen.
In der Theorie hat man zwar natürlich auch die Möglichkeit, den Output der KI kritisch zu analysieren und die KI um weiterführende Erklärungen zu bitten. In der Praxis gilt allerdings meist: Hauptsache es läuft wie gewünscht. Dass dieser Code qualitätsmäßig of eher dürftig ist und einem früher oder später auf die Füße fallen wird, scheint niemanden groß zu bekümmern.
Es lässt sich bei den eifrigsten Nutzern von KI Agenten beobachten, dass gar kein großes Interesse mehr an Dazulernen und der Sicherung von Code-Qualität besteht: der ehemals verpönte Ansatz “Kopier’ doch einfach was zusammen, solange es dann läuft ist doch egal, warum und wie” wird neuerdings populär. Nicht nur auf der Arbeit.
You gotta go fast, Sanic! Es muss schnell gehen, Ergebnisse sollen am besten sofort vorliegen, da stören andere Menschen mit anderen Meinungen und ihren lästigen Fragen und Einwänden doch nur.
Ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine vielbeschworene “lebendige Community” kommen so ebenfalls kaum auf, wenn andere entweder als ineffiziente Störfaktoren, oder gleich als Konkurrenz wahrgenommen werden.
Es entsteht sozialer und wirtschaftlicher Druck, sich der KI beim Programmieren zu bedienen und effizienter als der andere zu sein. Anstatt mit ihm zusammen zu arbeiten und etwas aufzubauen und gemeinsam voneinander zu lernen.
Schlussbetrachtungen
Damit wären wir dann auch bei der Entgegnung auf einen beliebten Einwand: “Dann nutz doch einfach keine KI! Es zwingt dich doch niemand, wenn du lieber alles altmodisch von Hand schreiben willst!”
Eben doch, wie gerade ausgeführt. Nicht nur auf der Arbeit wird es äußerst schwierig, dem Chef zu erklären, dass man lieber ein paar Stunden für Recherche, Überlegung, Dokumentation lesen und das Ausprobieren von verschiedenen Ansätzen aufwenden möchte, um ein Problem zu lösen (das man dann aber auch wirklich versteht) anstatt sich einfach lauffähigen Code von der KI ausspucken zu lassen.
Auch privat, selbst bei reinen Hobbyprojekten, schwingt immer das Gefühl mit, dass man bei Totalverzicht (oder weitgehendem Verzicht) auf KI sehr ineffizient arbeitet und einen Haufen Zeit verschwendet, die doch auch anders produktiv genutzt werden könnte.
Der Preis, den man für die “effiziente KI-Nutzung” dann zahlt, ist die beschriebene Entfremdung in allen Aspekten. Stolz auf und Freude an seiner Tätigkeit, kreativ tätig sein, seine Leidenschaft ausleben und sich verbessern bleiben zunehmend für “Effizienz” auf der Strecke.
Was im Arbeitsleben schon immer sehr oft unvermeidbar war, weitet sich dank KI jetzt allerdings auch auf die Freizeitgestaltung und Hobbytätigkeiten aus. Die Leidenschaft wird einem verleidet.
Selbstverständlich gilt das nicht nur fürs Programmieren, dieses Thema lässt sich auch auf andere Berufsfelder und Hobbys übertragen: Künstler, Autoren, usw.
Gibt es eine Lösung dafür? Ich fürchte: nein. Falls doch, kann ich sie nicht sehen.
Eine allgemeine, große Rück- und Umbesinnung, die zu maßvoll kritischem Einsatz von KI führt, sei es beim Programmieren oder anderswo, halte ich für nicht realistisches Wunschdenken.
Die Geschichte zeigt, dass Ideen, Entwicklungen, Prozesse nicht mehr verschwinden, wenn sie einmal in der Welt sind. Stattdessen schreiten sie oft voran.
Selbst wenn es für jedermann sichtbar negative Entwicklungen sind.