Der Meister des Jüngsten Tages - Leo Perutz
- Autor
- Leo Perutz
- Titel
- Der Meister des Jüngsten Tages
- Ausgabe
- Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1984, 156 Seiten
- Sprache
- Deutsch
Ein Bindeglied zwischen “den klassischen englischen Kriminalgeschichten” und Friedrich Dürrenmatt sei der Roman, der außerdem an “die Schauergeschichten von Nathaniel Hawthorne und Edgar Allan Poe” erinnern würde, so der Verlagstext. Und laut Wikipedia schätzte der argentinische Meister Jorge Luis Borges den Roman so sehr, dass er ihn in seine Liste der größten Kriminalromane des 20. Jahrhunderts aufnahm.
Mein Interesse war definitiv geweckt.
Der Autor, Leopold “Leo” Perutz (* 1882, † 1957), ein im Prag der Donaumonarchie Österreich-Ungarn geborener Jude, gehörte neben seinem Hauptberuf als Versicherungsmathematiker auch den Schriftstellerkreisen der Wiener Cafés an. Er wird dem Magischen Realismus zugerechnet, die Mehrheit seiner Werke sind historische Romane mit ausgeprägt übernatürlichen Elementen.
Erste Publikumserfolge mit seinen deutschsprachigen Werken gelangen ihm bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Hauptschaffensperiode fällt aber in das Jahrzehnt von 1918-1928. In dieser Zeit, im Jahr 1923, entstand auch Der Meister des Jüngsten Tages, der eines von Perutz erfolgreichsten Büchern werden sollte.
Die Handlung
“Ein ungeheures Feuerzeichen steht am Himmel […] Und es leuchtet in einer Farbe, die ich nie zuvor gesehen habe. Weh mir! Das ist keine irdische Farbe, und meine Augen ertragen sie nicht.” ~ S. 139 f.
Der Roman spielt im Wien des Jahres 1909, die Handlung erstreckt sich lediglich über fünf Tage im späten September und stellt sich dem Leser aus der Sicht des Freiherrn von Yosch dar.
In privaten Aufzeichnungen berichtet dieser, wie er vor einigen Jahren zusammen mit Bekannten eine Serie mysteriöser Selbstmorde aufklärte, von denen stets Künstler betroffen waren.
Es scheint Gemeinsamkeiten in allen Fällen zu geben: die Suizide erfolgten allesamt in einem Zustand extremer Panik und ohne erkennbaren Anlass. Auch waren alle Opfer kreativ veranlagt, hatten kürzlich ein Interesse an der italienischen Sprache entwickelt und kamen immer öfter später nach Hause, als sonst üblich.
Ebenso taucht der Begriff des Jüngsten Gerichts immer wieder auf und auch eine seltsame Farbe namens Drommetenrot scheint eine Rolle zu spielen.
Die Ermittlungen erfolgen allerdings nicht selbstlos, sondern aus einem triftigen Grund: Yosch wird beschuldigt, einen seiner Bekannten, einen Schauspieler, gezielt in den Suizid getrieben zu haben, um freie Hand beim Werben um dessen Ehefrau zu haben.
Da Yoschs Ehrenwort als Offizier gegeben wurde, die Indizien aber gegen ihn sprechen, scheint auch sein Suizid unausweichlich, wenn er nicht seine vollständige gesellschaftliche Entehrung und militärische Degradierung in Kauf nehmen möchte - oder aber seine Unschuld beweisen kann.
Ein Antiheld und unzuverlässiger Erzähler
“[I]rgendein Hochmut erwachte in mir und trieb mich, dem Mann, der vor mir stand, seine Sicherheit zu nehmen, ihn irrezuführen, ihn in Zweifel zu stürzen. Ich sagte kaltblütig und mit voller Überlegung: ‘‘Und wie, wenn […] ich Ihnen nun gestehe, daß ich wirklich der Mörder Eugen Bischoffs bin —?’’ " ~ S. 107
Gottfried Adalbert Freiherr von Yosch und Klettenfeld, Rittmeister des Heeres und in der Erzählung von den meisten Personen nur “Yosch” oder “Baron” genannt, ist der Protagonist und Erzähler des Romans.
Der pfeiferauchende Yosch übt nicht nur auf seine Freunde und Feinde, sondern auch auf den Leser eine starke Faszination aus. Es handelt sich bei ihm um einen charismatischen Antihelden ohne erkennbare positive Charakterzüge.
Er wird im Buch mehrmals von anderen als völlig amoralisch und gefährlich beschrieben und mit einer (Raub-)Katze verglichen, die mit ihren Opfern spielt.
Darüber hinaus haben wir ihn ihm jedoch auch einen ausgeprägt unzuverlässigen Erzähler.
Trotz seiner mehrmals unter Beweis gestellten außerordentlich guten Beobachtungsgabe und einem hervorragenden Gedächtnis, präsentiert er sich selektiv als äußerst unaufmerksam und vergesslich.
So kann er sich nicht an wichtige Details oder seine eigenen Handlungen während bestimmten Zeitspannen erinnern oder gibt vor, von Dingen nichts zu wissen, die er einige Seiten zuvor noch selbst beschrieben hatte.
Einige Male muss er, von allzu offensichtlichen Widersprüchen oder auch Einwänden anderer in die Enge getrieben, seine wahren Motive eingestehen, oder erinnert sich “spontan” und “verwundert” über seinen “Irrtum” an den tatsächlichen Ablauf der Geschehnisse.
Er unterliegt starken Sinneseindrücken und teilweise Sinnestäuschungen, die er detailreich und eindringlich erlebt. So ist nicht immer klar, welche seiner verschiedenen Feststellungen und Beobachtungen real sind.
Bemerkenswert ist auch, dass Yosch über weite Strecken der Handlung tatsächlich nur die passive Rolle des Beobachters und Erzählers einnimmt, obwohl es um nichts weniger als sein Leben geht. Er begleitet seine Bekannten oftmals nur und überlässt diesen alles Reden und Handeln (eine Tatsache, die sogar von ihnen kommentiert wird).
Themen und Motive
“Von einer Nacht bis zur andern schlafen, traumlos schlafen, den Teufel um einen grauen Herbsttag betrügen, mit einer leichten Bewegung der Hand die Tyrannei der Stunden zerbrechen —” ~ S. 120
Ein durchgängiges Thema ist Trauer über unwiederbringlich vergangene Zeiten. Sowohl Yosch als auch andere Figuren hängen alten Erinnerungen nach und können die Vergangenheit nicht loslassen.
Die Erinnerung ist oft verbunden mit quälendem, hartnäckigem Schuldbewusstsein über unumkehrbare Entscheidungen und Taten aus der Vergangenheit. Diesen Gefühlen wird vergeblich mit Fluchtverhalten oder Verdrängung zu entkommen versucht.
Täuschung durchzieht die Erzählung, sowohl Selbsttäuschung als auch Täuschung anderer über Identitäten, Beweggründe, Vorhaben, Handlungen und Anwesenheit oder Verbleib.
Ein wiederkehrendes Motiv sind entstellte Gesichter, sei es durch heftige Emotionen, Krankheit, Tod oder schlicht unpassend zur Erscheinung.
Und zu guter Letzt ist das Thema Suizid die ganze Zeit über präsent: in den aufzuklärenden Fällen, im drohenden Schicksal Yoschs oder aber in Erinnerungen und Erzählungen von Nebenfiguren.
Atmosphäre
“Verreist, jawohl. Ins Ausland. Viel weiter als ins Ausland, lieber Herr. Wenn ich Tag und Nacht fahre, zehn Jahre lang, komme ich doch nicht zu ihm.” ~ S. 129
Wenn die Stadt Wien für die Handlung auch austauschbar wäre, ist die Jahreszeit dagegen tatsächlich von Bedeutung: es ist Herbst und Kastanienlaub, frühe Dunkelheit, kalter Wind und heftige Regengüsse sind beständige Begleiter der Erzählung.
Dies trägt zu einer allgemein bedrückenden Stimmung bei. Es herrscht eine Atmosphäre von Endgültigkeit, Abschluss und Tod.
Ein Gefühl von Dringlichkeit, von Getriebenheit und lauerndem, dämonischem Unheil ist in der Handlung stets präsent.
Aufgrund der unzuverlässigen Erzählweise Yoschs bleibt vieles ambivalent, nur angedeutet, unausgesprochen und offen für Interpretationen durch den Leser.
Beispielhaft sei eine für die Handlung völlig nebensächliche, aber interessante Szene genannt: Yosch sinniert angesichts des Porträts einer schon lange, ebenfalls durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Schauspielerin darüber, wie sehr ihn ihre Schönheit in seiner Jugend verzaubert und gereizt hat.
Der alte Vater der Verstorbenen klagt derweil über die Ereignisse von vor über zwanzig Jahren, die zerbrochene Ehe seiner Tochter und ihren Selbstmord, “wegen so eines Lausbuben von Leutnant”. Beim Hinausgehen spottet ein Begleiter über Yosch, ob diesem denn gar nicht aufgefallen ist, dass der alte Mann komplett blind sei und die Anwesenheit des schweigenden Barons überhaupt nicht bemerkt habe. Warum habe er sich also beim Gehen so seltsam vor dem Blinden verneigt?
Abschließende Bewertung
“Wisse, […] daß geschehene Dinge niemals ein Ende haben und der, der es getan hat, möge der Gerechtigkeit Gottes gewärtig sein.” ~ S. 136
Der kurze Roman liest sich ausgesprochen flüssig und spannend. Von Beginn an fesseln die merkwürdige, ominöse Stimmung, die rätselhaften, mehrdeutigen Geschehnisse und der eigenartige Protagonist und Erzähler.
Der Roman widersetzt sich klaren Genregrenzen: Krimi, übernatürlicher Horror, Thriller, surreale Literatur, psychologischer Roman - das alles trifft zu, die Gewichtung hängt von der Interpretation des Lesers ab.
Perutz ist meisterhaft sowohl im Erzeugen von Mehrdeutigkeit und Rätselhaftigkeit, als auch darin, mit knapper, präziser Sprache eine eindrückliche Stimmung und detaillierte Bilder zu erzeugen, sei es in der Beschreibung der Außenwelt oder des Innenlebens seiner Figuren.
Nicht nur Yoschs Persönlichkeit wird gekonnt aufgebaut: Perutz versteht es ebenso, den meisten Personen der Erzählung wiederum in wenigen Worten einen markanten Charakter mit psychologischer Tiefe zu verleihen. Sogar Nebenfiguren, die nur kurze Auftritte haben oder überhaupt nicht persönlich auftreten, sondern nur in den Berichten anderer vorkommen.
Ich habe mich im Verlauf der Lektüre, was Stimmung, Erzähler und Thematik angeht, mehrmals an Robert W. Chambers klassische Kurzgeschichte The King in Yellow erinnert gefühlt. Das Übernatürliche, Verstörende und Befremdliche ist bei Chambers ausgeprägter, Perutz’ Erzählung ist weniger surreal, aber es lassen sich Gemeinsamkeiten sehen, ohne dass die beiden Autoren einander gekannt haben dürften.
Auf alle Fälle lautet mein Fazit: jeder, der spannende, durchdachte und wirklich hervorragend geschriebene Literatur schätzt, kann guten Gewissens zu diesem Buch greifen.
Ich habe ich die Lektüre sehr genossen! Der Meisters des Jüngsten Tages war das erste Buch, das ich von Leo Perutz gelesen habe - aber es wird mit Sicherheit nicht das letzte sein.